IG Ring e.V.

Ringfest
2007

       Die INTERESSENGEMEINSCHAFT RING e.V.
            
zur Förderung der Kölner Ringanlage


Der Boulevard

Die französische Sprache kennt den „boulevardier“, übersetzt soviel wie „Promenadenbummler“ oder „Lebemann“. Der Boulevardgänger ist der urbane Mensch, der raumgreifend den mittelalterlichen Befestigungsring gesprengt und sowohl intellektuell als auch emotional die kleinbürgerliche Enge hinter sich gelassen hat. Er ist ein Mensch, der zweckfrei über großstädtische Straßen flaniert; ein souveräner Demokrat. Er fühlt sich als ein Mitglied der modernen Gesellschaft, ohne als Individuum antastbar zu sein.

Werner Strodthoff schrieb über das Wesen des Boulevards: ... Was macht einen echten Boulevard aus? Wer „Boulevard“ sagt, denkt unwillkürlich an Paris, an jene großen Alleen, die dem „Fest des Lebens“, wie Ernest Hemingway seine Pariser Erinnerungen nannte, soviel Glanz und unverwechselbare Atmosphäre geben. Um 1760 waren sie an der Seine in Mode gekommen – angelegt an Stelle alter Wälle und Stadtmauern, so, wie dann auch in Wien und danach in Köln. Und schon vor der französischen Revolution waren solche Promenaden die belebtesten Gegenden der Stadt – bunt und quirlig, bestückt mit Cafés, Restaurants, Theatern und Zirkussen. Kutschen rollten, Pferde gingen im Schritt, Reiche schauten auf Arme und Arme auf Reiche, Glückliche und Traurige kreuzten die Wege, Boulevards sind ein Stück Welt-Theater.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der Baron Hausmann ganze Häuserblocks abreißen, um breite Schneisen durchs altersgraue Paris zu schlagen. Die Boulevards mutierten zu pulsierenden Verkehrsadern, was sie bis heute blieben. Und was wäre auch ein Boulevard ohne rollende Räder, ohne jene gelben und roten Lichter von abertausend Autos, die ihn bei Nacht zu gleißender Bewegung entflammen? Ein abwegiger Gedanke, eine solche Tag-und-Nacht-Bühne auch nur für Stunden künstlich „totberuhigen“ zu wollen. ... Zum echten Boulevard gehört Bewegung und also auch Autoverkehr rund um die Uhr. Fuhren einst Kutschen auf und ab, um Eitelkeit und Schaulust ihrer Besitzer zu befriedigen, so sind es heute allerlei Edelmarken – das Schauspiel selbst ist das gleiche geblieben. ... Gerade am Abend entfalten Boulevards ihre glitzernde, vielversprechend illuminierte Pracht. ...

Ein echter Boulevard zeigt sich überdies in der Vielfalt seiner Einrichtungen und Angebote: Cafés und Restaurants säumen ihn, Theater öffnen ihre Pforten, Kinos locken, Bars laden ein – Boulevards sind ein Dorado für Abwechslungs- und Vergnügungssüchtige jedweder Provenienz – exklusiver wie vulgärer. Hinzu kommen Geschäfte, Hotels, Wohnungen, Altes und Neues, meist auch ganz Neues: Boulevards waren und sind noch immer auch ein Forum für Avantgardistisches, zogen und ziehen Künstler ebenso an wie Literaten, Philosophen, Winner and Looser, Gauner und Gönner, Freier und Huren, Eilige und Müßiggänger – ohne Boheme bliebe dem Boulevard schnell der Atem weg. Sie stiftet(e) stets auch viel vom Mythos einer solchen „grande rue“. Cafés mit hohen Räumen und breit ausladenden Terrassen vor gläsernen Türen ( Open-air-Logen im pulsierenden metropolitanen Theater ), Restaurants für jeden Gaumen, Modisches für jeden Geldbeutel. Boulevards sind seit Beginn ihrer Existenz die gleißenden Spiegel einer Metropole und deren urbanstes Merkmal – stumpf oder gar blind bleiben sie auf der Strecke.

Eine solche Bühne aber will gefördert werden, soll sie nicht nur üble oder traurige Schlagzeilen machen. Wozu ein ausgeprägter Sinn für Inszenierung und intelligente Regisseure nötig sind, Leute, die wissen, welche Requisiten nur schaden können: kaputte Bänke etwa, ummüllte Inseln für diverse Alkoholtouristen; zerbrochene Gehwegplatten; Fast-food-Ketten mit Ketchup-Spur vor den Türen; Pro- und Drogeriemärkte hinter Plastikbarrikaden nebst Unterwäsche-Angeboten als „Eye-catcher“ für Flaneure; Schottergleise mit Betonrampen-Charme; Grasnarbenpampa um die Bäume; Fahrrad-Batterien und Funzelbeleuchtung – alles frei nach dem Motto „Armut kommt von pauvreté“.